Warum wir New Work als Thema gewählt haben

In manchen Konferenzen, Digitalisierungsdiskussionen in Verwaltungen und auf vielen Webseiten ist New Work als Frage der Arbeitsplatzgestaltung präsent. In einer großen Stadtverwaltung war kürzlich dazu ein Artikel „Wie wir unser künftiges Rathaus gestalten“ zu lesen. Und auch sonst tummeln sich dazu Beiträge zum Anteil des Home-Office an der Arbeitszeit, zur Gestaltung von Videokonferenzen und zur Nutzung digitaler Plattformen.

Daneben gibt es aber auch Überlegungen, die an der ursprünglichen Intention des Sprechens über „Neue Arbeit“ anknüpfen. Der Begriff wurde Ende der 1970er Jahre von Frithjof Bergmann geprägt und im Verlauf der folgenden Jahrzehnte konkretisiert und auch z.T. auf Praxistauglichkeit getestet /Anmerkung 1/. Bergmann, Jahrgang 1930, ist ein amerikanischer Philosoph österreichischer Herkunft. Er ging aus von einer tiefgreifenden Kritik bestehender Arbeitsverhältnisse, am Beispiel vor allem der Automobilindustrie:

  • Abwesenheit sinnerfüllender Tätigkeiten, dafür (oft eintönige) Arbeiten für fremde Zwecke;
  • Mangel an Selbstverwirklichung: im Unterschied zum Landwirt oder Handwerker erschafft der heutige Beschäftigte keine für sich stehenden Produkte als Ergebnis seiner Arbeit;
  • oberflächlicher Begriff der Freiheit, nämlich der Möglichkeit zur Auswahl von Konsumgütern aus einer unüberschaubaren Menge von Angeboten – nicht aber als Sphäre, in der den Menschen erlaubt wird, solche Tätigkeiten auszuführen, die für sie wesentlich und von Bedeutung sind. /Anmerkung 2/

Bergmann hat daraus ein Zukunftsmodell gesellschaftlicher Arbeitsteilung entwickelt, das radikal mit der abhängigen Beschäftigung brechen will: ein Drittel der Arbeitszeit für die herkömmliche, fremdbestimmte Arbeit; ein Drittel sinnerfüllte und gesellschaftszentrierte Arbeit; ein Drittel Arbeit, die auf Selbstversorgung mit Verbrauchsgütern gerichtet ist, aber unter Nutzung der höchstentwickelten Techniken (3D-Druck, KI usw.).

Man braucht diese Quasi-Utopien Frithjof Bergmanns nicht zu teilen, um nicht seine Grundansätze für anschlussfähig zu halten. Konkret für unser Barcamp heißt das:

  1. Nicht mit der Frage der Effizienz zu beginnen, sondern mit dem Streben nach Effektivität. Nicht etwas schnell und ohne Verschwendung tun, steht an erster Stelle, sondern etwas Sinnvolles und Erstrebenswertes zu tun. In der öffentlichen Verwaltung heißt das zum Beispiel, den Spagat zwischen gesellschaftlichem Auftrag (hoheitlicher Anteil der Tätigkeiten) und kundenzentrierter Dienstleistung („Public Service“ bzw. „service public“, CH) immer neu auszutarieren /Anmerkung 3/.
  2. Gerade der erste Teil ist in Deutschland zumindest in den letzten Jahren etwas in den Hintergrund getreten. Alles, was Zukunftsvorsorge betrifft (von nicht zu 100% ausgelasteten Krankenhausbetten über die Personalkürzungen in der Jugendarbeit bis zu Investitionen in Infrastruktur), gilt extremen Verfechtern des „Markt vor Staat“-Gedankens als verdächtig. Diese Aufgaben sind aber eng mit dem Sinngedanken der öffentlichen Verwaltung verbunden.
  3. Sinnvolle Arbeit ist, wenn wir den Gedanken Bergmanns weiter folgen, wesentlich mit Freiheit verbunden. Nicht Respekt oder „Augenhöhe“ oder Versorgung mit Kreativbüros stehen für ihn an erster Stelle, sondern die Freiheit für den Einzelnen, etwas Sinnvolles zu tun. Denn nur der Einzelne kann erkunden, was Sinn für ihn bedeutet. Mit Respekt und Augenhöhe usw. können auch verknöcherte Hierarchien sich gedanklich anfreunden – zu den Themen „Freiheit des Einzelnen“ und „selbstorganisierte Teamarbeit“ gehen sie auf Distanz.

Aber nur wenn es der öffentlichen Verwaltung – uns! – gelingt, New Work-Ideen in diesem Sinne zuzulassen und zu unterstützen, werden wir den extremen Herausforderungen der nächsten Jahre gewachsen sein. Wenn nur 1% der Verwaltungsmenschen über Strategien nachdenken darf und 99% ausführen sollen, also ohne Entfesselung der Schwarmintelligenz, sind unsere Chancen ziemlich gering.

Anmerkungen

/1/ Zum Beispiel Frithjof Bergmann: Neue Arbeit (New Work). Das Konzept und seine Umsetzung in der Praxis. In: Fricke, Werner (Hrsg.): Jahrbuch Arbeit und Technik. 1990, S. 71-80.

/2/ https://www.deutschlandfunk.de/frithjof-bergmann-neue-arbeit-neue-kultur.730.de.html?dram:article_id=102373

/3/ Beitrag von Veronika Lévesque, https://agile-verwaltung.org/2017/09/14/wie-innovierend-agierend-und-selbstaktiv-getrieben-kann-und-soll-eine-verwaltung-sein/